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Interview Elmshorner Nachrichten

Artikel Norddeutsche Rundschau

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FAZ-Artikel von Christian Meurer

Barmstedter Zeitung-Artikel von Christian Uthoff

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Kai Ehlers - zur Person

Kai Ehlers hat an der Filmakademie Baden-Württemberg Regie und Kamera studiert. Sein Abschlussfilm Country No.1 – Herbst 2001 in New York war für den First Steps Award nominiert und wurde beim Internationalen Filmfest in Kalamata ausgezeichnet. Seither arbeitet Kai Ehlers freiberuflich als Autor, Regisseur, Bildgestalter und Produzent für Dokumentarfilme, darunter Helene Fischer – Allein im Licht für die ARD Primetime, bei dem er Regie und Kamera geführt hat. Außerdem studierte er Kunstgeschichte und Philosophie an der Freien Universität Berlin und kreiert Videos für Opern und Theaterproduktionen wie z.B. Pnima von Chaya Czernowin, uraufgeführt bei der Münchner Biennale, Aschemond von Helmut Ohering, uraufgeführt an der Staatsoper Berlin, oder Regie von Monstertruck, uraufgeführt in den Sophiensälen. Parallel arbeitet er als Filmkurator und unterrichtet an der Universität Salzgitter als Gastdozent. Im Augenblick ist er dabei, ein dokumentarisches Kunstbuch über die verloren gegangene Tradition einer Hafenkneipe fertigzustellen und bereitet seinen neuen Film Cut The Line vor. Seit 2016 ist er aktives Mitglied im Berliner Studio® für Drehbuch, Regie und Schau- spiel. Mit Domenico Distilo hat er 2017 die Produktionsfirma Moon Jar Film gegründet.


Wie der Film entstand

Während ich in der Arthur Boskamp-Stiftung für zeitgenössische Kunst in Schleswig- Holstein ein Filmprogramm kuratierte, traten einmal drei Herren an mich heran. Christian Meurer, Lothar Pigorsch und Olaf Plotz wollten mir einen Mann vorstellen, von dem sie meinten, dass er vielleicht für einen Dokumentarfilm interessant wäre. Der Mann war Ernst Otto Karl Grassmé.

Der habe als Eremit in einem früheren Torfmoor gelebt und sie hätten ihn noch gekannt. Gebildet sei er gewesen und belesen, habe gerne gesungen und Witze gemacht. Offensichtlich hatte er sie stark beeindruckt, denn er war schon 25 Jahre tot. Sie zeigten mir Fotos von ihm und hunderte Briefe, die er der Tochter von einem der drei geschrieben hatte, als sie ein Teenager war. Diese Briefe waren in einem warmherzigen, poetischen aber sprunghaften Schreibstil verfasst. Erst berichtete er von Ereignissen seines täglichen Lebens im Wald, dann sprang er unvermittelt zu offenbar schmerzhaften Erfahrungen aus der Vergangenheit. Die blieben allerdings fragmentarisch. Von den drei Männern konnte dazu keiner etwas Genaues berichten.

Ihr Material beinhaltete auch Fotos, die Ernst Otto Karl Grassmé aufgenommen hatte. Er hat vor allem Kinder und Teenager porträtiert. Diese Bilder berührten mich.

Ich begann zu recherchieren. Ich befragte viele Personen, die ihn noch gekannt hatten. Aber niemand wusste, was in seiner Vergangenheit geschehen war. Erst beim Zusammensetzen der Fragmente aus den Briefen zeichnete sich eine Kontur ab. Archivrecherchen vervollständigten schließlich das Bild: Ernst Otto Karl Grassmé war ein Opfer der nazistischen Rassenideologie. Als schizophren diagnostiziert, wurde er als an einer Erbkrankheit leidend angesehen. Um diese an ihrer Ausbreitung zu hindern, wurde er interniert und zwangssterilisiert. Wenige Jahre nach seiner Entlassung ging er in den Wald.

Diese individuelle Geschichte - Ernst Otto Karl Grassmé war ein außer- gewöhnlicher Charakter, dessen Arbeit das Schreiben war, wie eine ehemalige Nachbarin konstatierte - und ihr zugrundeliegendes, allgemeines Thema waren mehr als genug Material für einen Film. Denn bis heute sind die Opfer von Zwangssterilisation und „Euthanasie“ anderen Verfolgten der nationalsozialistischen Politik rechtlich nicht gleichgestellt. Und die Frage, was nicht nur im Hinblick auf eine mögliche psychische Erkrankung ein selbstbestimmtes Leben ist, ist auch heute aktuell.

Ernst Otto Karl Grassmé lebte im Wald und seine Briefe halten uns aus diesem Abstand heraus den Spiegel vor. Wie setzen wir unsere Prioritäten? Aber ohne seine Frau - die er erst nach dem Krieg hatte heiraten können - hätte er das vermutlich nicht gekonnt. Sie blieb in Hamburg, besuchte ihn aber regelmäßig, und hielt ihm bis zu seinem Tod die Treue.

Mittels seiner Selbstzeugnisse und der reichen Quellenlage konnte ich eine Erzählperspektive wählen, die nicht über ihn spricht oder entscheidet, wie es so oft in seinem Leben der Fall gewesen war. Ich konnte ihn - den Schreibenden - und seine Frau selbst zu Wort kommen lassen. In den zahlreichen Briefen, adressiert an Behörden aber vor allem an Katja, die Tochter eines der drei Herren, die in seiner Nachbarschaft lebte, entfaltet sich seine komplexe und berührende Geschichte: Er stand außerhalb der Gesellschaft und hat sich doch gewünscht, am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Die Warmherzigkeit, mit der das Mädchen adressierte, verrät dabei seine vergebliche Sehnsucht: Vater sein zu dürfen.

Diese Geschichte wird im Film im Ton erzählt.

Seine Stimme leiht ihm dabei mein Vater, Reinhold Ehlers, der nur wenige Kilometer entfernt von Ernst Otto Karl Grassmé auch in einem Handwerkerhaushalt in Hamburg aufgewachsen ist. Sein Dialekt, sein Lebensalter und die Jungenhaftigkeit, die er sich bewahrt hat, empfahlen ihn für diese Rolle.

Als sich zudem herausstellte, dass er wenigstens eine gemeinsame Erinnerung mit Ernst Otto Grassmé teilt, schien meine Bereitschaft, mich so tief in diese Geschichte hineinzubegeben - beim Dreh wäre ich einmal fast im Moor versunken - plötzlich seltsam gerechtfertigt. Diese Geschichte ist auch Teil von mir.

Für die Rolle seiner Ehefrau habe ich Kristina Krupp, eine Lehrerin aus Neukölln gewinnen können, deren Stimmcharakter und Rostocker Dialekt der ostpreußischen Herkunft von Berta Grassmé und ihrem herben aber verletzlichen Wesen in meiner Vorstellung am nächsten kamen.

Die offiziellen Briefe und Texte werden von Michael Ebert-Hanke gesprochen, der mit seiner Stimmlage die schwierigen Inhalte nuanciert in der Klangfarbe Schleswig-Holsteins wiedergibt.

Diese Stimmen erwecken die beiden Protagonisten und ihre Antagonisten zum Leben und erlauben den Zuschauenden, sich unvermittelt in ihre Geschichte einzufühlen. So werden, nur durch den Ton evoziert, die Grausamkeiten nachvollziehbar, die ihm angetan wurden, und wird es möglich, seine individuelle und zuweilen humorvolle Form des Widerstands nachzuempfinden, seinen Kampf um eine Existenz als souveräner Mensch.

Um dieser Imagination Raum zu geben, habe ich dem Ton eine assoziative Bildebene gegenübergestellt. In ihr wird der von Ernst Otto Karl Grassmé gewählte Lebensraum, der Wald, in dem er lebte, und dessen unmittelbare Umgebung, von wo aus er über das Radio, die Berichte seiner Frau und seine Fahrradtouren am Leben teilnahm, erforscht.

Die Einbettung in die heutige Landschaft pointiert dabei die Frage nach der Gegenwart der Vergangenheit, die durch seine Geschichte aufgeworfen wird. So lautet sie nicht nur, welche Bedeutung die Vergangenheit heute noch für unsere Vorstellungen von Freiheit und Selbstbestimmung hat, sondern auch, wie wir uns ein Bild von ihr machen.